Die Corona-Pandemie – mein persönliches Date mit der schöpferischen Zerstörung

Stillstand, Lockdown, Rezession. An sich sind die Corona-Pandemie und die damit verbundene Wirtschaftskrise nicht als Prozess der schöpferischen Zerstörung anzusehen. Sie haben jedoch diesen Prozess in meinem eigenen Berufsleben durchaus gefördert.

Joseph Schumpeter war schon immer einer meiner Lieblingsösterreicher. Der Ökonom, geboren in der mährischen Stadt von Triesch (heute in Tschechien) als Sohn eines Tuchfabrikanten, fand Eingang in diese illustre Liste wegen seinem Spruch, er sei aufgebrochen, um „bester Liebhaber Wiens, bester Reiter Europas und größter Ökonom der Welt“ zu werden. Im späteren Leben sagte er ironisch, er habe nur zwei dieser Ziele erreicht – da er leider einen schlechten Sattel geerbt hatte.

Schumpeter hatte also – neben anderen spannenden Eigenschaften – Humor. Einen hervorragenden Intellekt auch. 1911 wurde er Ordinarius für Politische Ökonomie an der Karl-Franzens-Universität in Graz und somit der jüngste Professor der Monarchie. Während seines bewegten Lebens arbeitete Joseph Schumpeter in sieben unterschiedlichen Ländern und besaß drei Nationalitäten. Er war dreimal mit drei unterschiedlichen Frauen verheiratet.

Die Theorie der schöpferischen Zerstörung

Schumpeters Name bleibt jedoch immer mit seiner berühmtesten These verbunden: jene der schöpferischen Zerstörung. Diese These besagt, dass im Wirtschaftsleben dauernd Altes untergeht und Neues ins Leben gerufen wird. Für Schumpeter stellte diese Zerstörung keinen Systemfehler dar, sondern eine Voraussetzung für das weitere Bestehen des Systems.

Kein Akteur auf dem Markt existiert in einem Vakuum. Es treten immer wieder neue Konkurrenten auf, die neue, bessere, innovativere Produkte anbieten. Wenn die alten Unternehmen mit den neuen Entwicklungen nicht „mitkommen“ und sich weiterentwickeln, so werden sie von den anderen verdrängt und werden vom Markt verschwinden – zum Nutzen der Gesamtwirtschaft.

Schumpeter sah dieser Prozess als Motor der Wirtschaft: die kreativen Kräfte von dynamischen Unternehmern führt zu Innovationen, technischem Fortschritt und Wachstum.

Die Corona Krise zerstört – aber nicht kreativ

Und was hat das mit der jetzigen wirtschaftlichen Krise wegen der Corona-Pandemie zu tun? Wirtschaftlich wurde bereits mit Lockdowns viel Porzellan zerschlagen, und es wird wohl noch schlimmer kommen, wenn die staatlichen Hilfen auslaufen. Ist diese Zerstörung auch schöpferisch im Schumpeter’schen Sinne?

Kurz gesagt – nein, ist es nicht. Für Schumpeter war die schöpferische Zerstörung dem Wirtschaftssystem immanent: es wird nicht von außerhalb „aufgedrückt“. Und genau das ist der springende Punkt für die Beurteilung im Zusammenhang mit der Corona-Krise. Die Pandemie ist eben ein externer bzw. exogene Faktor, der zu verheerenden Folgen für die Wirtschaft geführt hat. Viele Unternehmen gehen in dieser Zeit zugrunde – nicht wegen dem Erscheinen von innovativen neuen Konkurrenten und Produkten – sondern aufgrund eines längeren Stillstandes durch die Anwendung von Regelungen, die den üblichen Betrieb maßgeblich erschweren, gar unmöglich machen.

Die Corona Krise als Katalysator der schöpferischen Zerstörung

Was aber durchaus in den vergangenen Monaten zu beobachten war, war wie die Krise wie ein Vergrößerungsglas wirkte. Ob Menschen, oder ganze Länder: bestehende Eigenschaften und Probleme traten auf einmal viel stärker hervor oder wurden beschleunigt.

Als selbstständige juristische Übersetzerin war mir bereits vor 4 Jahren klar, dass mein Job in den nächsten 10 bis 20 Jahren aufgrund der rasanten Entwicklung von maschinellen Übersetzungstechnologien obsolet werden würde. Diese Technologien sind zwar derzeit noch weit davon entfernt, die sprachlichen Feinheiten der juristischen Sprache einwandfrei von der Ausgangssprache in die Zielsprache transportieren zu können. Nichtsdestotrotz ist der Stand der Entwicklung schon beeindruckend und die Technologie wird immer besser. Der Moment, wenn man ohne Bedenken einen komplexen Vertrag maschinell übersetzen kann mit keinem (oder nur wenig) Post-Editing, naht. Dann werde ich nicht mehr gebraucht.

Sich anpassen, um zu überleben

Es ist zu früh zu sagen, ob die Wirtschaftskrise zu einer Beschleunigung oder einer Verlangsamung der technologischen Entwicklung in der Übersetzungsbranche geführt hat. Was ich aber mit Sicherheit sagen kann ist, dass die Wirtschaftskrise zu einer Verschlechterung der allgemeinen Auftragslage geführt hat. Logisch: leidet die Wirtschaft, leiden die Unternehmen. Sie werden unsicher, stoppen Projekte, tätigen weniger Investitionen. Da die Vergabe von Aufträgen in der Übersetzungsbranche meist am Ende einer solchen betriebswirtschaftlichen Entscheidungskette hängt, spüre ich bald die Folgen, wenn die Wirtschaft stolpert. Mein Business stirbt noch schneller ab!

Trotz der natürlichen Verlust- und Zukunftsängste muss man sich als UnternehmerIn ganz nüchtern überlegen: was tun? Wie sichere ich meine Existenz am besten gegen diese Entwicklung ab? Mehrere Alternativen standen mir offen: ich kann mich intensiver um neue Übersetzungsaufträge bemühen, sowohl bei bestehenden Kunden als auch durch die Knüpfung von neuen Kontakten. Oder ich könnte die Zeit nutzen, um ein zweites Standbein aufzubauen – eines, das eher zukunftsorientiert ist und das Risiko, obsolet zu werden, reduziert.

Den Blick nach vorne richten

Im Endeffekt ist es eine Mischung von den beiden Varianten geworden.

Im Hinblick auf meine Tätigkeit als juristische Übersetzerin, arbeite ich weiter mit meinen bestehenden Kunden mit gewohntem 150% Einsatz. Die wirtschaftliche Lage bedeutet sowieso, dass die Auftragslage dünner geworden ist. Dadurch wird Zeit frei. Einen Teil davon habe ich darin investiert, neue Kontakte zu knüpfen – und habe sogar ein paar neuer Kunden gewonnen!

Trotzdem kann ich nicht von der Tatsache wegschauen, dass – egal wie gut ich arbeite – irgendwann ersetzt auch mich eine Maschine. Wobei wir wieder bei Schumpeter und seiner schöpferischen Zerstörung wären. Die Grundlage meiner Existenz wird (ganz unabhängig von der Pandemie) durch Innovation aufgezehrt – zerstört eben.

Düstere Aussichten, könnte man sagen. Herausfordernd auf jeden Fall. Aber wo Zerstörung, da Raum für etwas Neues geschaffen. Dieselbe technologische Revolution, die mir meine bestehende Berufung entzieht, bietet auch einen fruchtbaren Boden und viele neue Möglichkeiten, eine neue Existenz aufzubauen. Digital Marketing ist das, worauf mein Augenmerk liegt.

Auf der richtigen Seite der digitalen Revolution

Der Trend zur Digitalisierung ist natürlich nicht neu und Digital Marketing kennt man schon seit Jahren als ein dynamischer, sich rasch entwickelnder Bereich. Die Pandemie hat den Trend noch verstärkt, weil Lockdowns und andere Beschränkungen mehr und mehr Unternehmen dazu zwingen, ihre Produkte und Dienstleistungen auch online anzubieten. Digital Marketing ist gekommen, um zu bleiben.

Zuhause habe ich schon den Vorteil, dass mein Partner ein Digital Marketing Experte ist mit einer eigenen Agentur. Aus nächster Nähe kann ich also seine Arbeit beobachten und unterstützen, Fragen stellen, Ratschläge bekommen – von dem Meister lernen eben!

Erste Schritte in eine neue Zukunft

Als erste Orientierung, habe ich ein paar online Kurse gemacht und mich in mehrere Bereiche hineingeschnuppert. Heutzutage ist es einfacher und leistbarer denn je, sich selbstständig auszubilden und neue Skills anzueignen. Mein Lieblingsanbieter ist Udemy – mit zahlreichen Kursen zu erschwinglichen Preisen in allen möglichen Bereichen von Kommunikation bis hin zu Programmierung.

Die Absolvierung der Kurse hat es mir ermöglicht, Skills anzueignen, aber auch ein Gefühl dafür zu entwickeln, welche Bereiche innerhalb Digital Marketing mir am meisten gefallen könnten. Davon habe ich bereits eine Idee und ich hoffe, bald meinem Partner tatkräftig zu unterstützen bei seiner Arbeit und später – wenn ich etwas mehr Erfahrung gesammelt habe – eigenständig diese Dienstleistungen anzubieten.

Wie ich selbst erlebt habe, hat die Corona-Krise die kreative Zerstörungstendenzen in meiner Branche verstärkt. Dies hat mich jedoch dazu gezwungen, positive Schritte zu nehmen, um eine neue, zukunftssichere Existenz aufzubauen.

Meine Tipps für unsichere Zeiten:

  • Gefühle zulassen: für die mentale Hygiene ist es wichtig, die Gefühle (Trauer, Unsicherheit usw.) zuzulassen, aber sich nicht davon überwältigen und kontrollieren zu lassen. Nach einer Phase der Emotion ist es wichtig,
  • zur Akzeptanz der Lage zu gelangen. Ich habe einsehen müssen, dass die technologischen Änderungen in meiner Branche nur in eine Richtung gehen und dass ich nichts dagegen tun kann. Sich dagegen zu wehren bringt nichts – wenn ich nicht wahnsinnig werden möchte bleibt mir lediglich die Akzeptanz. Schafft man dies, ist der Kopf frei für…
  • Neue Ideen. Ich habe etliche Anläufe und Ideen gebraucht, bis ich einen Bereich gefunden habe, wo ich mir eine berufliche Zukunft vorstellen kann. Jetzt heißt es…
  • Anpacken und umsetzen!

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Katharine Eyre
Katharine Eyre
Gründerin von RiskPlayWin | Inhaberin & Gründerin des juristischen Übersetzungsbüros Spezialis