Wie mein Leben als selbstständige Frau meinen Blick auf den Feminismus änderte

equality man woman

Selbstständig zu werden war für mich eines der erfreulichsten Erlebnisse in meinem Leben. Nicht nur professionell, sondern auch aus feministischer Sicht. Von frustrierter Mitarbeiterin mit schwieriger Beziehung zu meiner Chefin zur Inhaberin meines eigenen Unternehmens – über Nacht! Emanzipation pur. Doch die letzten fünf Jahre als selbstständige Frau haben meinen Blick auf den Feminismus gravierend verändert.

Ich war schon immer der Meinung, dass Tun feministischer als Reden ist. Und dass es viel besser ist, Vorbild zu sein als sich endlos über die vielen Ungleichheiten in dieser Welt zu beschweren, dann aber nicht viel tun. Eine selbstständige Frau zu sein passt genau in dieses Schema.

Als selbstständige Frau ein Vorbild

Ich rede mit vielen anderen Frauen (selbständig als auch angestellt), mache ihnen Mut und erzähle über meine Erfahrungen mit der Selbstständigkeit. Die meisten sind hellauf begeistert. Inzwischen haben ein paar von denen sogar ein eigenes Business gegründet, entweder als Vollzeit-Selbstständige oder nebenberuflich. Und sie lieben diese neue Art der Selbstverwirklichung.

Ich kann nur sagen: Frauen – wenn ihr einen Traum habt, ist alles möglich. Schwierigkeiten können überwunden werden und es gibt immer Möglichkeiten, auch wenn Kompromisse notwendig sind. Nur keine Angst! Ihr habt die Macht in der Hand.

Mein Blick hat sich geändert

Das war der nette, kuschelige, alle-Träume-werden-wahr-Teil dieses Artikels. Wie ich als selbstständige Frau mit 5 Jahren Erfahrung nun über den Feminismus im Allgemeinen denke ist etwas anderes.

Bevor ich selbstständig wurde, war ich keine radikale Feministin. Ich habe mich eigentlich nie als „Feministin“ bezeichnet (warum werde ich hier nicht diskutieren). Aber ich las gerne feministische Texte, und habe einen regen Austausch mit anderen Frauen über unsere Erfahrungen im beruflichen und privaten Leben. Wir unterstützen uns gegenseitig. Ich betrachtete mich als selbstbewusste, aufstrebende Frau mit einer glücklichen, gleichberechtigten Beziehung. So weit, so feministisch.

Frühere Meinungen auf dem Prüfstand

Ich habe mich jedoch relativ oft beschwert über Probleme, die ich wahrgenommen habe. Immer wieder war irgendetwas „unfair“. Ich sah Männer bevorzugt, oder mich unberechtigt im Nachteil. Allzu schnell habe ich das Wort „Diskriminierung“ in den Mund genommen.

Nach 5 Jahren Selbstständigkeit hat sich mein Blick radikal geändert. Ausnahmslos die Verantwortung für meine eigenen Fehler tragen zu müssen rückte meinen Blick auf die Vergangenheit zurecht. In diesem neuen Licht entpuppten sich viele Situationen, die ich früher für Diskriminierung gehalten habe, als Kompetenzfragen.

Bei einer ehrlichen und kritischen Betrachtung wurde ich nicht übergangen, weil ich Frau war. Vielmehr lag es daran, dass ich auf irgendwelcher Weise nicht gut genug war. Ich hatte nicht die richtigen Kompetenzen für den jeweiligen Job oder Auftrag. Oder ich habe nicht die richtigen Eigenschaften zum Tisch gebracht. Oder ich habe mich so verhalten, dass es schwer war, mich ernst zu nehmen.

Es gibt doch noch Sexismus und Ungleichbehandlung

Es gab doch die eine oder andere Situation, die auf Sexismus oder Ungleichheit gefußt hat und nicht anders zu interpretieren war. Ich hatte ein paar Kollegen, die immer wieder sexistische oder abfällige Kommentare über andere Frauen gemacht haben und das offensichtlich nicht für problematisch hielten.

Ein anderes Mal ist es mir aufgefallen, dass Afterworks oder Firmentreffs besonders gute Möglichkeiten anboten, die Arbeitsbeziehung zu dem Chef zu stärken. Er war ein sehr netter, aufgeschlossener Mann, der gerne außerhalb der Arbeit mit seinem Team unterwegs war. Diejenigen, die es geschafft haben, gute Gespräche mit ihm außerhalb der Arbeit zu führen, bekamen immer wieder die besseren Projekte.

Die Männer in der Abteilung haben das sehr gut gemacht, indem sie mit dem Chef Bier getrunken, Darts gespielt oder Fußball geschaut haben. Die Frauen sind ihrerseits öfters unter sich geblieben und haben typische Frauensachen besprochen: Babys, Mode, Hochzeiten. Das hat mich die Nüsse interessiert und es brachte mich im Job auch nicht weiter.

Ich möchte mich nicht verbiegen

Ich habe mich also bemüht, mit den Jungs mitzumachen. Und gab nach kurzer Zeit wieder auf. Ich bin sehr skeptisch, wenn nach dem Motto „Männer sind von Mars, Frauen sind von Venus“ argumentiert wird, dass Männer und Frauen einfach zu unterschiedlich sind, um sich wirklich zu verstehen. In dieser Situation war es aber nicht zu übersehen: meine Kollegen haben einfach ganz andere Verbindungen zu Chef aufbauen können. Das lief über typisch „männliche“ Aktivitäten und Gespräche. Da konnte ich nicht so gut mithalten – weil ich nicht so gestrickt bin.

Ich stelle hiermit klar: das handelte sich keinesfalls um Diskriminierung. Es war aber deutlich, dass meine weibliche Natur mich in dieser Situation irgendwie ausgegrenzt hat. Ich gab die Sache auf, weil ich keine Lust hatte, mich zu verbiegen. Das sollte keine Frau. Man sollte immer sich selbst sein und authentisch bleiben.

Authentizität als Erfolgsfaktor

Mein Fazit: auch wenn ihr euch schlecht behandelt fühlt als Frauen, seid kritisch, bevor ihr „Diskriminierung“ ruft. Das könnte natürlich der Fall sein. Und wenn Diskriminierung oder Ungleichbehandlung vorkommt, muss es zweifellos angesprochen bzw. bekämpft werden.

Alles was auf den ersten Blick wie Diskriminierung ausschaut muss aber nicht Diskriminierung sein. Habt ihr wirklich die richtigen Qualifikationen für den Job oder Projekt mitgebracht? Hattet ihr die richtigen Kompetenzen? Wart ihr selbstbewusst genug, um eure Talente zu betonen und die passende Belohnung dafür zu verlangen? War euer Verhalten in Wahrheit professionell und passend?

Authentizität bietet einen guten Test bei der Überlegung, ob es sich in einer bestimmten Situation vielleicht um Diskriminierung handelt. Wenn du das wirklich machst, worin du wirklich gut bist und der Meinung bist, du hast richtig und professionell gehandelt und bist trotzdem nicht weiter gekommen…dann und erst dann solltest du über die böseren Möglichkeiten denken. Denn Authentizität ist die wahre Quelle von Frauenpower.

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Katharine Eyre
Katharine Eyre
Gründerin von RiskPlayWin | Inhaberin & Gründerin des juristischen Übersetzungsbüros Spezialis