Schon als Kind war ich vom Langstreckenlauf fasziniert. Mit 11 Jahren schlüpfte ich zum ersten Mal in die Laufschuhe; mit 14 trainierte ich regelmäßig. Marathon, Berglauf, Laufen auf Urlaub in Kanada und Korsika…ich habe schon recht viel mit diesem Sport erlebt! Die letzten 20 Laufjahre haben mir nicht nur viele schöne Erinnerungen beschert – sie waren auch die ideale Vorbereitung auf das Leben als Unternehmerin.

Am Sonntag bin ich zum zweiten Mal beim Linzer Halbmarathon mitgelaufen. Trotz des Kaiserwetters und toller Organisation war es nicht mein bester Tag in den Laufschuhen. Ab 11km wurde ich von Seitenstich geplagt und spürte, dass ich nicht 100% fit war. Trotzdem bin ich mit der erfreulichen Zeit von 1:34:04 ins Ziel gelaufen, hatte einen wunderschönen Tag und freue mich bereits auf meinen nächsten Wettbewerb.

Schöne Strapazen

Diese Polarität ist das, was ich am Laufen so liebe. Bequem ist es auf keinen Fall – weder im Training, noch im Wettbewerb. Manchmal kostet es viel Überwindung, sich vom Sofa hochzuheben, um bei Minustemperaturen trainieren zu gehen. Manchmal tut es richtig weh! Doch bereut habe ich einen Lauf noch nie. Die frische Luft, die Freiheit der Bewegung, den eigenen Körper zu spüren und die Gedanken kreisen zu lassen – Laufen macht einfach glücklich!

Es ist ein klassischer Fall von Freud‘ und Leid. Und – apropos kreisende Gedanken: am Sonntag bin ich irgendwo bei 13km darauf gekommen, dass es viele Ähnlichkeiten zwischen diesem Wettlauf und meinem Leben als Unternehmerin gibt…

1.  Vor dem Rennen

Viele Menschen schauen mich schräg an, wenn ich sage, ich laufe am liebsten Halbmarathon. „Wie kann man so eine Qual genießen?“ fragen sie mich, verblüfft. Ähnlich ist es, wenn man ein Unternehmen gründen will – viele Mitmenschen können dieses Ziel und diesen Wunsch gar nicht nachvollziehen.

Genauso wie der Läufer ist der Unternehmer von seinem Vorhaben überzeugt; er verinnerlicht es und zieht aus der Zielsetzung sehr viel Kraft. Es ist genau diese Energie, die den Läufer zum Schnüren der Laufschuhe nach einem harten Arbeitstag bewegt und den Unternehmer zur Überwindung von Hindernissen, die ihm im Weg stehen, motiviert.

2.  Am Start

Am Start eines Wettlaufes mit den anderen Teilnehmern zu stehen ist immer wieder ein Erlebnis der besonderen Art. Man hat seinen Trainingsplan absolviert, ist gesund – und kann es kaum erwarten loszulaufen! Die ersten Kilometer sind immer eine Mischung aus Begeisterung (es ist soweit!) und Unsicherheit (man hat noch nicht das richtige Tempo gefunden, weiß nicht, wie es einem später gehen wird) – doch die Freude überwiegt!

Die Anfangsphase eines Unternehmens läuft genau nach diesem Muster. Alles ist neu, alles ist frisch. Von möglichen Schwierigkeiten gibt es noch keine Spur – es gibt nur diese unglaubliche Freiheit. Eine großartige Zeit!

3.  Erste Hürden

Bei jedem Wettlauf über eine lange Strecke gibt es einen Punkt, wo das Rennen zum ersten Mal zur Herausforderung wird. Schwere Beine, Seitenstich oder eine alte Verletzung, die sich wieder bemerkbar macht – es kann auf der Strecke recht viel passieren. Der Körper sagt einem „STOPP!“ – doch der Kopf sagt „WEITER!“

Genauso wie der starke Läufer, packt ein guter Unternehmer Probleme am Schopf wo sie aufkommen und sucht gezielt nach Lösungen. Aufgeben? Das gehört nicht zu seinem Wortschatz.

4.  Der zweite Frühling

Nach den ersten Kämpfen mit Seitenstich, ging es mir in Linz ab 15km wieder gut. Ich hatte keine Schmerzen, die Beine waren noch nicht müde und ich wusste, mein Training trägt jetzt Früchte. Das Ende war fast in Sicht und plötzlich war alles wieder schön. Ich fühlte mich stark.

Viele Unternehmer sagen, dass ihre größten geschäftlichen Erfolge kurz nach Niederlagen kamen. Mit dem Rücken zur Wand zu stehen, aber trotzdem weiter zu kämpfen, weil man einfach an dem glaubt, was man macht – das sind entscheidende Momente im Leben eines Selbstständigen. Als Mensch und als Unternehmer.

5.  Die letzten Kilometer

Oh, jetzt wird’s hart. Irgendwann ist der zweite Rausch auch vorbei und die Kräfte gehen endgültig zu Neige. Hier merkt man eindeutig, wer bloßer Läufer und wer Sieger ist. Die echten Sieger sind diejenigen, denen die Schmerzen ordentlich ins Gesicht geschrieben sind – die aber die Zähne zusammenbeißen…und noch einen Gang zulegen!

Was für den Läufer die letzten Kilometer sind, sind für den Unternehmer jene 80 Stunden Arbeitswochen, wo man unter Hochdruck ein Projekt liefern muss – pünktlich und perfekt. Unter diesen extremen Bedingungen überrascht man sich selber damit, wozu man imstande ist zu leisten. An sowas kann man nur wachsen.

6.  Geschafft!

Ganz ehrlich – es geht nichts über das Gefühl, ins Ziel zu laufen. Man hat sich völlig verausgabt, womöglich mentale und körperliche Hindernisse auf der Strecke bekämpft und besiegt. Das Gefühl der totalen Erschöpfung mischt sich mit dem riesigen Glück des Erfolgs und ist nicht mehr von diesem zu trennen. Das ist eine Kombi, was süchtig macht! Wann ist der nächste Wettbewerb?

Unternehmer kennen auch solche Momente der Euphorie. Vielleicht hat man ein großes Ziel erreicht, oder einen langjährigen Traum verwirklicht. Es gibt nichts besseres, als zuzuschauen, wie jemand das erreicht, wofür er Monate und Jahre gearbeitet hat. Das ist ein wahrlich glücklicher und erfüllter Mensch. Aber auch einer, der weiß, dass das nicht das Ende der Geschichte ist – sondern ein Moment von vielen im Marathonlauf des Unternehmertums.

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