Menschen mit einem starken Willen haben es im Leben nicht leicht. Von ihren Mitmenschen werden sie als anstrengend empfunden, weil sie schwierige Fragen stellen, unverblümt ihre Meinung sagen und dauernd ihre Grenzen austesten. Dabei steckt in diesen eigenwilligen Personen das Potenzial, Großes zu leisten – wenn man sie nur lässt. Kein Wunder, dass so viele von ihnen ihren Platz im Unternehmertum finden.

Vor kurzer Zeit war ich bei einer Freundin auf Besuch. Wir tranken Kaffee und sie erzählte mir über die neuen Entwicklungen ihrer 1-jährigen Tochter. Sie sagte, sie sei im Grunde glücklich, Mutter zu sein; die Erziehung sei aber anstrengend. Vor allem, weil die Kleine nun ihren eigenen Willen entwickelt habe – und der sei stark. Sie lasse sich nichts sagen, lehne jegliche Autorität ab und tue nichts was sie nicht will. Dieses kleine Mädchen ist offensichtlich durch nichts und niemanden auszubremsen!

Das kam mir alles sehr bekannt vor: meine Eltern sagten genau dasselbe über mich als Kind. Und ja – wenn ich darüber nachdenke, haben sich meine ehemaligen Vorgesetzten mit meiner Eigenständigkeit und meinem Drang, eigene Ideen einzubringen, manchmal auch schwer getan. Mich großzuziehen bzw. zu managen muss schwierig gewesen sein. Erst in der Freiheit der Selbstständigkeit habe ich das Gefühl, endlich bei mir angekommen zu sein.

Erfolgsfaktor Willenskraft

So bin ich auf den Gedanken gekommen: aus eigenwilligen Kindern werden nicht selten eigenwillige Erwachsenen. Sie lernen zwar mit der Zeit, sich anzupassen oder Kompromisse einzugehen, um Beziehungen und Teamarbeit zu erleichtern. Im Herzen sind sie doch vom Wunsch getrieben, die Dinge nach den eigenen Vorstellungen zu richten. Das kann für Konflikte im Arbeitsleben sorgen: lässt ein Teammitglied beliebig Regelungen außer Acht, um das eigene Ding durchzuziehen, ist die Gruppendynamik gestört und die Produktivität leidet. Im Extremfall kann man wegen zu individualistischem Verhalten aus dem Job fliegen.

Dabei steckt so viel Potenzial in willensstarken Menschen. Mit ihrem freien Denken, hoher Integrität und eisernem Durchhaltungsvermögen tragen sie die Möglichkeit in sich, Großes für die Firma zu leisten. Bekommen sie genug Freiraum (z.B. in der Form von eigenen Projekten) und Rückendeckung vom Chef, können Sie regelrecht Berge versetzen. Es ist durchaus möglich als Manager den starken Willen eines Mitarbeiters zu bändigen, in ein Team zu integrieren und somit zum Erfolgsfaktor zu machen. Ein wirklich freier Geist kann sich aber oft erst richtig entfalten, wenn es von den Zwängen eines Bürojobs komplett befreit wird.

Der Wille ist ein Muskel, der trainiert werden will

Genau deswegen landen sehr viele von diesen Unruhestiftern im Unternehmertum. Sie können nicht mehr zusehen, wie ihre Ideen übergangen oder durch Kompromisse verwässert werden. Sie halten die vielen kleinen Regelungen im Büro nicht aus, die sie als unnötige Bremse auf wertvolle Ideen und Ursache eines unbefriedigenden Mittelmaßes betrachten. Oder: niemand hat es je geschafft, sie effektiv zu führen und sie lösen dieses Problem, indem sie sich ab jetzt selber führen.

Sich selbst zum Erfolg zu führen heißt nicht unbegrenzte Freiheit, sondern sich selbst weiterhin Grenzen zu setzen. Denn – genauso wie Kollegen und Vorgesetzten früher – kann die Stärke Ihrer Persönlichkeit Kunden oder Mitarbeiter überrumpeln in die Ferne treiben. Ihren Willen können Sie aber trainieren, um diese negativen Auswirkungen zu mindern und Ihre persönlichen Beziehungen zu stärken.

Achten Sie zum Beispiel darauf, sich die Meinungen von anderen anzuhören – auch wenn Sie von Ihrer eigenen Idee schon überzeugt sind. Nehmen Sie sich fünf Minuten Zeit am Anfang einer Besprechung, um Small Talk zu machen; was für Sie eine Zeitverschwendung ist, stellt für andere einen essentiellen sozialen Eisbrecher dar. Oder überlegen Sie sich, wie Sie Ihre Botschaften anders formulieren könnten, um ihre natürlich direkte Art etwas zu entschärfen. Andere werden es Ihnen danken!

(„My way or the highway“ = „Entweder Du tust, was ich will oder Du kannst gehen!“)

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