Kaum ein anderes Thema bewegt Österreich und Deutschland aktuell so sehr wie die Flüchtlingskrise. Die Ankunft von über einer Million Schutzsuchenden aus Krisengebieten um die Welt stellt unsere Gesellschaften vor gewaltige Herausforderungen – logistisch, finanziell, wirtschaftlich und sozial.

Eine der dringendsten Fragen im Rahmen der Integration der Neuankömmlinge lautet: wie schafft man für so viele Menschen Arbeit? Genau dort wollte Dominik Beron (24, rechts im Bild) ansetzen und gründete Ende 2015 in Wien gemeinsam mit zwei Kollegen den Arbeitsvermittlungs-Service für Flüchtlinge, RefugeesWork.at. Ich traf ihn letzte Woche, um mehr über das Projekt und sein Leben als Jungunternehmer zu erfahren.

Interview: Katharine Eyre

RiskPlayWin: Kannst Du das Geschäftsmodell von RefugeesWork erklären?

Dominik Beron: Unternehmen und Flüchtlinge können sich auf der Webseite www.refugeeswork.at anmelden.

Für Flüchtlinge ist die Nutzung der Plattform kostenlos. Wir vermitteln Jobs, Praktika und Lehren bei Unternehmen für Asylberechtigten und subsidiäre Schutzberechtigten. Für Asylwerber vermitteln wir Lehren und Volontariate.*

Für die Nutzung der Vermittlungsservice zahlen die Unternehmen jährliche Beiträge. Kleinere Unternehmen mit 1-15 Mitarbeitern zahlen einen freien Beitrag, d.h. sie können selbst auswählen, wie viel sie pro Jahr zahlen möchten. Die Beiträge werden für größere Unternehmen nach oben gestaffelt. Für Unternehmen mit 16 bis 50 Mitarbeitern ist ein Betrag von EUR 500 p.a. zu zahlen. Unternehmen mit 5.000 Mitarbeitern zahlen pro Jahr EUR 5.000.

Städte und Gemeinde können sich auch bei uns anmelden – Flüchtlinge können für diese Körperschaften gemeinnützige Tätigkeiten übernehmen. Derzeit liegt der Fokus aber noch im privaten Bereich.

*(Anm. der Redaktion: Asylberechtigten sind anerkannte Flüchtlinge, deren Asylverfahren positiv entschieden wurde. Subsidiäre Schutzberechtigten sind keine anerkannten Flüchtlinge, brauchen jedoch Schutz aus anderen Gründen, z.B. Folter im Heimatstaat. Asylberechtigten und subsidiäre Schutzberechtigte haben in Österreich freien Zugang zum Arbeitsmarkt, genauso wie Österreicher und EU-Bürger. Asylwerber sind Menschen, die einen Asylantrag gestellt haben, über den aber noch nicht entschieden wurde; sie haben zum österreichischen Arbeitsmarkt nur beschränkten Zugang).

RPW: Wie unterscheidet sich der Tätigkeitsbereich von RefugeesWork von jenem des AMS (österreichischer Arbeitsmarktservice)?

DB: Unsere Zielgruppe ist grundsätzlich eine andere. Erstens betreuen wir Asylwerber – das kann das AMS nicht. Weitere Unterschiede sind, dass wir auf unserer Webseite detaillierte Rechtsinformationen für die Unternehmen gratis zur Verfügung stellen. Darüber hinaus können Arbeitgeber auf unserer Webseite Stellen inserieren oder auch direkt nach Arbeitnehmern suchen.

Bei der Vermittlung verwenden wir im Vorfeld einen allgemeinen Algorithmus, um Arbeitgeber mit Arbeitsuchenden zusammenzubringen – dieser Algorithmus sucht u.a. nach den Kriterien Asylstatus, Bildung, Wohnort und Sprachniveau.

Zusätzlich bieten wir den Unternehmen Downloads von den behördlichen Formularen mit Hilfstexten, Informationen zu staatlichen Förderungen, sowie Konzepte, die bei der Integration ins Unternehmen behilflich sein sollten.

Hier gibt es drei Konzepte:

  • Kommunikation; Vermittlung von Sprachwissen. Das reicht von ganz banalen Sachen wie man jemanden ausbessern kann, wenn er einen Grammatikfehler gemacht hat bis hin zu wichtigen Tipps für die allgemeine Kommunikation.
  • Fachkenntnisse und die Vermittlung von Verständnis.
  • Kulturelle Unterschiede.

Wir haben zusätzlich eine Checkliste für Unternehmen, damit diese wissen, wie sie den Eintritt der neuen Arbeitnehmer vorbereiten, was sie am ersten Arbeitstag zu tun haben, was nach der ersten Woche usw.

Schließlich haben wir ein Online Chat aufgestellt. Wir haben bemerkt, dass die Flüchtlinge sehr viel über WhatsApp und Facebook kommunizieren. Da Unternehmen hauptsächlich E-Mail nützen, schaffen wir damit einen gemeinsamen Kommunikationskanal und können beiden Seiten zusätzlich wichtige Informationen zukommen lassen, z.B. ein Briefing vor einem Vorstellungsgespräch.

Screenshot von Refugeeswork.at
Refugeeswork.at

RPW: Wann/wie bist Du auf die Idee der Vermittlungsservice gekommen?

DB: Das war im November 2015. Ein Unternehmer, der Interesse daran hatte, Flüchtlinge zu beschäftigen, hat mich angesprochen, weil er nicht wusste wie das geht. Wir wollen zuerst die Idee der Vermittlungsservice an eine NGO weitergeben; diese hatten jedoch aufgrund der bereits hohen Auslastung keine Kapazitäten mehr. In der Folge haben wir das Projekt selber gestartet. Ursprünglich haben wir uns auf Asylwerber konzentriert; im Nachhinein haben wir das Projekt auf Asylberechtigten und subsidiäre Schutzberechtigten erweitert.

RPW: Wie ging es dann mit der Planung weiter? Wie wurden die notwendigen Finanzen organisiert?

DB: Bevor wir das Projekt starteten, haben wir über Crowdfunding EUR 10.000 gesammelt, wobei das eigentlich nur ein Tropfen auf dem heißen Stein war. Diese Summe wurde in die Startkosten und Fixkosten investiert. Sonst finanzieren wir uns über die Beiträge, die die angemeldeten Unternehmen einzahlen.

RPW: Zu Deiner Ausbildung: Du bist studierter Jurist, bist gerade dabei die Doktorarbeit zu schreiben und hast einige Praktika bei renommierten Wiener Wirtschaftskanzleien gemacht. Warum bist Du diesen Weg gegangen, wo Dir eine lukrative Karriere bei einer Kanzlei offen gestanden hätte?

DB: Ich wollte etwas anders machen, ich wollte etwas verändern und ein Impact haben. Deswegen der Fokus auf die Integration von Flüchtlingen auf dem österreichischen Arbeitsmarkt; heutzutage ist das ja die größte sozialgesellschaftliche Herausforderung die es gibt. Anwalt sein ist natürlich eine intellektuell sehr herausfordernde Tätigkeit und das Wirtschaftliche gefällt mir sehr gut. Man stößt aber bei dieser Tätigkeit keine großen gesellschaftlichen Änderungen an.

RPW: Welche Ziele habt Ihr für das erste Jahr von RefugeesWork?

DB: Wir haben uns für 2016 das Ziel gesetzt, 500 Leute zu vermitteln und 400 Unternehmen auf der Plattform angemeldet zu bekommen. Allerdings haben sich in den ersten 2 Wochen schon um die 140 Unternehmen angemeldet und sie sind sehr bunt durchgemischt! Es gibt nicht nur international tätige Konzerne dabei, sondern auch Unternehmen mit 250 bis 500 Mitarbeitern und auch EPUs (Ein-Person-Unternehmen).

Wir müssen schauen, wie es sich weiterentwickelt. Jedenfalls wollen wir dieses Jahr 500 Leute vermitteln. Das ist für ein kleines Team schon ambitioniert.

RPW: Wie viele Flüchtlinge haben sich schon angemeldet?

DB: Per 5. April 2016 hatten sich 1000 Flüchtlinge angemeldet.

RPW: Gibt es ein typisches Profil für die Flüchtlinge, die sich bisher angemeldet haben (Alter, Geschlecht, Nationalität)?

DB: Es sind Großteils Männer. Im Hinblick auf das Alter kann ich keine pauschalen Angaben machen. Die meisten kommen natürlich aus dem Nahen Osten (Syrien, Irak) – es haben sich aber auch Menschen aus Asien und Afrika angemeldet, wobei diese eher in der Minderheit sind.

RPW: Gab es bereits erfolgreiche Vermittlungen?

DB: Noch nicht, da wir mit der Vermittlung noch nicht gestartet sind. Wir haben allerdings durch das zur Verfügung stellen von Informationen bei ein paar Vermittlungen abseits der Plattform geholfen.

RPW: Es kursieren in den Medien sehr unterschiedliche Angaben über den Bildungsgrad der Flüchtlinge – und wie lange es dauert, bis sie einen Job finden. Wie ist hier Deine Erfahrung?

DB: Es ist noch etwas zu früh hierzu eine Aussage zu tätigen. Wie lange es dauert für einen Flüchtling eine Arbeit zu finden hängt von vielen Faktoren ab, u.a. Zugang zu Sprachkursen, der Einstellung der Arbeitgeber, ob bei einem Arbeitgeber standardmäßig Deutsch oder Englisch gesprochen wird usw. Ganz besonders die jüngeren Syrer und Irakern die ich kennengelernt habe haben sehr gute Englischkenntnisse und werden sich leichter integrieren können bei einem Arbeitgeber, wo Englisch die Arbeitssprache ist. Manche werden schnell eine Arbeit finden – andere werden mehr Zeit brauchen; es kommt auf den Einzelfall sowie die Rahmenbedingungen an.

RPW: Wie kannst Du die Qualifikationen der angemeldeten Flüchtlinge prüfen, wenn sie keine Unterlagen oder Zertifikate mithaben?

DB: Es ist möglich, vorhandene Zeugnisse und Dokumente auf der Webseite hochzuladen. Darüber hinaus bereiten wir die CVs von den Flüchtlingen anders auf als es in Österreich sonst üblich ist. Es wird nicht angegeben, bei welchem Unternehmen jemand gearbeitet hat von wann bis wann, sondern es wird auf den Inhalt der bisher verrichteten Tätigkeit abgestellt (z.B. mit welchen Maschinen oder Software jemand schon gearbeitet hat). Das soll den Einstieg in den Arbeitsmarkt erleichtern.

RPW: Du bewegst Dich in einem sehr umstrittenen Feld. Das erfordert Mut und auch eine bestimmte Bereitschaft, Risiken einzugehen. Wie gehst Du mit diesem Druck um?

DB: Kritik gibt es immer. Von linker Seite kommt Kritik, von rechter Seite kommt Kritik. Flüchtlinge und deren Integration ist klar momentan ein schwieriges Thema. Ich höre mir Kritik an und wenn dabei gute Punkte gemacht werden, überlege ich sie mir. Mir sind die Konsequenzen meines Handelns bewusst.

Ich bin davon doch überzeugt, dass wir was machen, was nicht nur sozial wichtig ist, sondern auch wirtschaftlich. Wir brauchen Migration, um das Sozialsystem hierzulande aufrechtzuerhalten, weil die Bevölkerung altert. Deswegen mach ich mir nicht allzu viel Stress. Es gab zwar schon ein paar kritische Kommentare bzw. E-Mails – es handelte sich meiner Meinung nach um Sorgen der Menschen in der Form von Kritik – es war aber nichts Schlimmes.

RPW: Welche Rolle spielt Arbeit Deiner Meinung nach in der Integration von Flüchtlingen in Österreich?

DB: Eine extrem große Rolle. Arbeit fördert erstens die soziale Integration. Wenn man arbeitet, verbringt man mit den Kollegen sehr viel Zeit. Man kommt dabei mit anderen Österreicher in Kontakt, lernt die Sprache. Anderseits ist Arbeit aus wirtschaftlicher Sicht sehr wichtig. Wenn man keine Berufserfahrung hat, kriegt man nur schwer einen Job und verpasst wirtschaftlich den Anschluss. Wenn Österreich es versäumt, sich aktiv um die Integration dieser Menschen zu bemühen, werden wir eine Generation von Langzeit-Arbeitslosen haben, die hohe Kosten verursachen statt Steuereinnahmen zu bringen.

RPW: Was sind die Pläne für die Weiterentwicklung von RefugeesWork in den nächsten Jahren? Wo wollt ihr in 3 Jahren stehen?

DB: Gute Frage! Wir wollen bestimmt das Projekt in ganz Österreich aufbauen. Darüber hinaus suchen wir Partner in anderen Ländern. Wir haben die Plattform absichtlich so aufgebaut, dass es einfach sein wird, die Vermittlungsservice auch z.B. über „refugeeswork.de“ oder „refugeeswork.nl“ abzuwickeln.

Wir würden uns sehr freuen, wenn uns Menschen aus anderen Ländern kontaktieren würden, die gerne ein ähnliches Projekt aufsetzen würden, die aber noch nicht über das erforderliche Wissen oder Infrastruktur verfügen. In solchen Fällen wäre es weitaus effizienter, dasselbe Vermittlungssystem grenzüberschreitend zu verwenden.

RPW: Bei all den großen Zielen, gehört zum Unternehmertum das Risiko des Scheiterns. Was wirst Du tun, falls dieses Projekt nicht funktioniert?

DB: Da mache ich mir nicht allzu viele Gedanken. Sollte das Projekt langfristig wirtschaftlich scheitern, habe ich immerhin auf dem Weg vielen Menschen geholfen und somit etwas verändert. Sollte es scheitern, würde ich mir überlegen, was ich sonst gründen könnte. Oder ich schreibe meine Dissertation fertig. Was die Zukunft betrifft, bleibe ich offen.

RPW: Siehst Du Deine Zukunft definitiv in einem Sozialunternehmen?

DB: Im sozialen Unternehmertum definitiv ja, das macht mir sehr viel Spaß.

RiskPlayWin wünscht Dominik und seinem Team alles Gute und viel Erfolg mit dem Aufbau von RefugeesWork!

Foto: RefugeesWork

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